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Als wir Frauen eine Stimme bekamen

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Als wir Frauen eine Stimme bekamen

Meine zwei Wurzeln, die mich zu den Grünen führten

Es gibt zwei Erfahrungen in meinem Leben, die für mich wie Katalysatoren für mein gesellschaftspolitisches Engagement gewirkt und mich letztendlich zu den Grünen geführt haben. Das eine ist die Geschichte meiner Mutter, die als ausgegrenzte und verachtete Tochter italienischer Einwanderer in der Schweiz aufwuchs und schlimmste Diskriminierungen erlebt hatte. Darüber, und dass man sich diese Ungerechtigkeit widersetzen müsse, hat sie viel erzählt. Das war ein prägendes Narrativ in meiner Kindheit und Jugend.

Ich spürte früh ein Unbehagen darüber, wie sich die klassische Rollenteilung vor allem für meine Mutter fatal auswirkte.

Die zweite Erfahrung ist die, in einer patriarchalen Familie mit klassischer Rollenteilung zwischen meiner Mutter und meinem Vater aufgewachsen zu ein. Ich spürte früh ein Unbehagen darüber, wie sich diese Teilung vor allem für meine Mutter fatal auswirkte. Das damals gültige Eherecht schrieb vor, dass eine Erwerbstätigkeit der Frau nur mit der Erlaubnis des Ehemannes möglich sei. Männer die etwas auf sich hielten, waren stolz darauf, dass ihre Ehefrauen nicht ausser Haus arbeiten mussten, weil sie selber genug verdienten. So dachte auch mein Vater und meine Mutter blieb gezwungenermassen zu Hause. Ich wusste, dass sie darunter litt und dass es ihr viel besser gegangen wäre, wenn sie nicht nur den Haushalt und uns fünf Kinder gehabt hätte, sondern ihren grossen Wunsch, in einer Beiz zu arbeiten, hätte verwirklichen können. Nachdem ich und meine Geschwister alle ausgezogen waren, fiel ihr noch mehr die Decke auf den Kopf. Auf jeden Fall wusste ich schon früh, dass unser Familienmodell für mich keine Option sein konnte.

Dann kam 1970 die Schwarzenbach-Initiative, die verlangte, dass der Anteil der ausländischen Bevölkerung in der Schweiz nur noch 10 Prozent betragen dürfe. Die Annahme der eidg. Volksinitiative hätte die Ausweisung Hunderttausender vor allem italienscher Migranten bedeutet. Ich war damals als junge Lehrerin im Entlebuch tätig und trug einen Abstimmungsknopf mit der Aufschrift „Schwarzenbach ab!“. Es gab heftige Kontroversen über die Initiative, in die ich mich als Tochter einer italienischen Mutter engagiert und betroffen einmischte. Aber abstimmen und an die Urne gehen durfte ich nicht! Frauen hatten noch kein Stimm- und Wahlrecht. Das empörte mich zutiefst!

Wir sezierten die Verhältnisse, spürten die Diskriminierungen der Frauen im Patriarchat auf und eroberten für uns Stück für Stück Autonomie und Freiheit.

Ab Mitte der 1970er-Jahre bewegte mich die Frauenfrage am heftigsten. Ich wusste seit langem, dass die bürgerliche Kleinfamilie mit traditioneller Rollenteilung für mich nicht in Frage kam. Durch die Frauenbewegung bekam dieses persönliche Unbehagen eine fundierte politische Antwort. Ich wurde begeisterte Aktivistin der Organisation für die Sache der Frau(OFRA). Wir sezierten die Verhältnisse, spürten die Diskriminierungen der Frauen im Patriarchat auf und eroberten für uns Stück für Stück Autonomie und Freiheit. Für den Schwangerschaftsabbruch und die Mutterschaftsversicherung, gegen Gewalt an Frauen und tiefe Frauenlöhne, für Kinderkrippen und Frauenquoten in Politik und Wirtschaft gingen wir auf die Strasse. Was wir da forderten, war für mich auch ein ganz persönlicher Befreiungskampf. Ich warf all die alten mir eingetrichterten Clichés, wie eine richtige Frau zu sein hätte, über Bord und fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben richtig wohl in meiner Haut. Seit dieser Zeit bin ich überzeugte Feministin. Der Feminismus liefert die Analyse der ungerechten Verteilung von Macht, Besitz und Einfluss zwischen Frauen und Männern und fordert Geschlechtergerechtigkeit. Das war, wonach ich gesucht hatte, und ich bin bis heute stolz darauf, Feministin zu sein. Seit dieser Zeit habe ich nie aufgehört, alle politischen Entscheide immer mit der Gender-Brille zu betrachten und zu hinterfragen, ob sie die Geschlechtergerechtigkeit fördern oder nicht.

Über die Analyse der Geschlechtergerechtigkeit weitet sich der Fokus auf die anderen Themen, die die 1968er-Debatten ausgelöst hatten: Einsatz für soziale Gerechtigkeit, Kampf gegen Rassismus und Ausgrenzung von Minderheiten, der Schutz der Umwelt, die Solidarität mit den Ländern des globalen Südens. Die Menschen, die sich für diese Themen engagierten, schlossen sich in Luzern Mitte der 1980er-Jahre zusammen. Es herrschte Aufbruchstimmung. Die fortschrittlichen Kräfte aus der Umweltbewegung, der Frauenbewegung, den Gewerkschaften und linken politischen Gruppen wie Poch und SAP/RML gründeten das Grüne Bündnis Luzern. Es gab unter den OFRA-Frauen eine heftig ausgetragene Kontroverse, ob wir eine Frauenpartei gründen oder dem Grünen Bündnis beitreten sollten. Diese Frage spaltete die Frauen: ein Teil gründete die Frauenliste, der andere Teil, zu dem ich gehörte, schloss sich dem Grünen Bündnis an. Ich war der Meinung, dass wir die Kräfte bündeln und die parlamentarische Politik zusammen mit fortschrittlichen Männer machen sollten. Mit der Frauenliste entwickelte sich dann wieder ein gutes Einvernehmen und die Vertreterin der Frauenliste im Kantonsrat trat der Grünen Fraktion bei. Nach ein paar Jahren löste sich die Frauenliste wieder auf.

Der Feminismus war, wonach ich gesucht hatte, und ich bin bis heute stolz darauf, Feministin zu sein.

Als ich vor 30 Jahren dem Grünen Bündnis Luzern beitrat, war es für mich nicht wie ein Parteibeitritt, sondern eher wie der Beitritt zu einer bunten Bewegung. Mein gesamter Freundeskreis war dabei, es war eine Art Milieufrage. Erst als ich ein paar Jahre später selber für die Luzerner Stadtexekutive kandidierte, realisierte ich, dass ich einer Partei beigetreten war. Von da an war ich offiziell und von aussen wahrgenommen eine Grüne.

Ich wurde 1991 überraschend als erste Grüne aus der Innerschweiz in den Nationalrat gewählt. Ich war nie in erster Linie eine Umweltpolitikerin, meine Schwerpunkte blieben die Gleichberechtigung der Geschlechter und der Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Da floss mein Herzblut und dieses investierte ich im Rahmen der Grünen Fraktion in die politische Arbeit im Nationalrat. Als Fraktionspräsidentin war ich unendlich stolz darauf, jeweils sagen zu können, dass wir die erste und einzige Fraktion unter der Bundeshauskuppel waren, die zur Hälfte aus Frauen bestand. . Das ist bis heute ein Markenzeichen der Grünen und deshalb sind wir auch für Frauen interessant.

Meine Partei setzt sich neben Umweltfragen genauso vehement für Geschlechtergerechtigkeit, sozialen Ausgleich und für die Rechte von Eingewanderten ein.

Das Wort „Grün“ im Parteinamen ist, wenn es wortwörtlich ausgelegt wird, zu eng. Gerade kürzlich nach einem Auftritt in der Radiosendung „Persönlich“ wurde mir das wieder bewusst. Eine Hörerin schrieb mir, ich mit meinen Themen sei eigentlich „gar keine richtige Grüne“. Ich habe ihr darauf die folgende Antwort gegeben: „Die Grünen waren und sind seit ihrem Bestehen nicht nur eine Umweltpartei. Wir kämpfen mit unserer Arbeit für die Vision einer gerechten Gesellschaft. Wir haben einen starken Fokus auf den Schutz der Umwelt, aber meine Partei setzt sich genauso vehement für Geschlechtergerechtigkeit, sozialen Ausgleich und für die Rechte von Eingewanderten ein. Ein grosser Teil unsere Wählerschaft würde uns nicht mehr unterstützen, wenn wir diese Anliegen nicht genau so stark vertreten würden, wie die „grünen“ Themen im engeren Sinn. Ich bin mit meinen Kernanliegen in dieser Partei genau am richtigen Ort.“

Mit grossem Interesse verfolge ich die Politik, welche Grüne in den Städten, Kantonen und in Bern machen, und ich kann sagen, dass es immer noch die richtige Partei für mich ist. Ich hoffe, dass das bis an mein Lebensende so bleibt!

Cécile Bühlmann
Cécile Bühlmann ist in Sempach aufgewachsen. Die Themen Migration und Diskriminierung begleiten sie ihr Leben lang: Zunächst als Lehrerin einer Auffangklasse für Migrantenkinder, später in der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus EKR, als Dozentin an der Pädagogischen Hochschule und an der Hochschule für Soziale Arbeit in Luzern und auch als Nationalrätin und Fraktionspräsidentin. Schwerpunkte ihres politischen Engagements sind gleichstellungs- und sozialpolitische Themen. Für ihr Engagement gegen die Diskriminierung von Minderheiten wurde sie 1997 mit dem Fischhoff-Preis ausgezeichnet.

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